MEDIENMITTEILUNG
27. Juni 2009
Breites Spektrum an Themen am Internationalen Torwart-Kongress in München
Der moderne Torwart als elfter Feldspieler -Ausbildungskonzepte ein Muss
(Zürich/München) 7 bis 8 Kilometer Laufleistung pro Spiel, totale Konzentrationsfähigkeit über 120 Minuten und die Dauer eines Elfmeterschießens, Ballfertigkeiten wie die Feldspieler und ein robustes Nervenkostüm: Die Ansprüche, die im Fußball heute an einen Spitzentorwart gestellt werden, sind immens. Gleichzeitig wird der sorgfältigen und fundierten Ausbildung der Schlussleute für den modernen Fußball noch immer zu wenig Beachtung geschenkt. So lautete eines der Fazite des Internationalen Torwart-Kongresses 2009 unter der Schirmherrschaft von DFBBundestorwarttrainer Andy Köpke in München.
Für DFB-Bundestorwarttrainer Andy Köpke hat sich der Fußball und damit auch das Torwartspiel grundlegend verändert: „Alles ist komplexer geworden. Die Rückpassregel wurde eingeführt, und heute rücken die Abwehrreihen viel weiter auf. Der Torwart kann nicht mehr einfach auf der Linie bleiben, sondern muss bis 30 Meter vor seinem eigenen Tor den Raum kontrollieren, das Spiel taktisch lesen und als elfter Feldspieler mitdenken und mitspielen." Auf Computerbasis erstellte Auswertungen zeigen, dass ein Torwart heute pro Spiel Laufwege von sieben bis acht Kilometern zurücklegt, dies im Vergleich zu Distanzen von drei bis vier Kilometern vor zehn Jahren.
Rund 130 Teilnehmende, darunter Referenten und Torwarttrainer aus 30 Ländern und von allen Kontinenten, tauschten sich bei Vorträgen und Podiumsdiskussionen in der Allianz Arena und in der Sportschule Oberhaching bei München intensiv aus. In den Präsentationen und Voten trat deutlich zutage, dass die Anforderungen an die Schlussleute in den letzten zwanzig Jahren zwar gestiegen sind, deren Bedürfnisse in Bezug auf Ausbildung, Förderung und Betreuung aber nach wie vor nur unzureichend berücksichtigt werden.
Langfristige Konzepte für die Ausbildung unerlässlich
Diesen Punkt strich der frühere Schweizer Nationaltorwart Jörg Stiel in seinen Ausführungen heraus. Er plädierte dafür, dass jeder Verband die Torhüter ab Nachwuchsstufe auf der Grundlage eines langfristigen und einheitlichen Konzepts ausbilden sollte. „Vom Torwart sprechen alle nur dann, wenn sich Probleme stellen. Aber es braucht einen langfristigen Ansatz, angefangen bei der Basis, mit Scouting und einer einheitlichen Philosophie." Den jungen Torleuten müsse von Beginn weg beigebracht werden, wie sie Situationen vorausahnen können und vor allem wie sie ihre technischen Fertigkeiten am Ball verbessern. Gemäß Stiel spielt ein Torhüter heute den Ball zu 85% mit den Füssen, die Hände werden nur noch bei Aktionen auf der Linie oder bei Flanken eingesetzt.
Unterschiedliche Traditionen und Ansätze im Torwartspiel
Deutlich wurde auch, dass in Bezug auf die Schulung und den Einsatz der Torhüter zwischen den verschiedenen Ländern große Unterschiede bestehen. Jens Lehmann, der von 2003 bis 2008 bei Arsenal London zwischen den Pfosten stand, erzählte, wie er während seiner Zeit in England sein Torwartspiel anpassen musste. „Als Torhüter in England wirst du körperlich stark angegangen, was dich fordert. Zudem musst du für eine rasche Spieleröffnung nach vorne sorgen. Das bedingt passgenaue Abschläge. Allgemein ist das Spiel sehr schnell, jeder eigene Spieler bietet sich sofort wieder an und will den Ball."
Dank der Schule: Spickzettel und Konzentrationsfähigkeit
Zum Thema mentale Vorbereitung merkte Lehmann an, dass er vor allem in der Schule gelernt habe, sich über vier bis fünf Stunden zu konzentrieren. „Wenn, wie das in England der Fall ist, junge Profis der Karriere wegen ihre Schule abbrechen, ist das schlecht - für ihren fußballerischen und später für ihren weiteren beruflichen Lebensweg." Quasi der Schule entlehnt war Andy Köpkes Idee, an der WM 2006 beim Viertelfinalspiel gegen Argentinien für den Fall eines Elfmeterschießens einen „Spickzettel" mit Angaben zu den Schussgewohnheiten der möglichen argentinischen Elfmeterschützen vorzubereiten. Köpke und Lehmann präsentierten den Original-Elfmeterzettel erstmals gemeinsam, fast auf den Tag genau drei Jahre nach dem denkwürdigen Spiel im Berliner Olympiastadion. Der Zettel, der anschließend für einen guten Zweck für 1 Mio. Euro versteigert wurde und heute ein Ausstellungsstück im Bonner Haus der Geschichte ist, stand auch sinnbildlich für die sorgfältige und akribische Arbeit, die Torwarttrainer und Torhüter auf und neben dem Platz leisten müssen.
Jean-Marie Pfaff begründete Position des Torwarttrainers
Dem früheren belgischen Nationaltorwart und Welttorhüter 1987 Jean-Marie ist es zu verdanken, dass Torwarttrainer heute in Klubs und Nationalteams zum Betreuerstab gehören. In seinem Rückblick auf das Torwartspiel der 1980er-Jahre erzählte er, wie er während seiner Zeit bei Bayern München Franz Beckenbauer von der Notwendigkeit überzeugt, bei Trainings und in der Aufwärmphase vor dem Spiel von einem ehemaligen Spitzentorwart betreut zu werden, eine Funktion, die das bayerische Urgestein Sepp Maier übernahm und erfolgreich ausführte.
Mit Kräutern zum Erfolg
Breit gefächert waren auch die Themen am Freitagnachmittag in der Sportschule Oberhaching. So standen psychologische Aspekte rund um das Torwartspiel sowie Karriereplanung, Fitness oder der Umgang mit den Medien im Vordergrund. Dass der Erfolg bei Torhütern auch durch den Magen geht, verdeutlichte Holger Stromberg, der Koch der deutschen Nationalmannschaft, mit seinen Ausführungen zum Thema Kochen und Ernährung. Kräuter und Gewürze spielen hier eine wichtige Rolle. Zimt, erläuterte Stromberg, sei gut für die Nerven, während an kalten Tagen Ingwertee helfe, die Wärme im Körper zu halten.
Kongress soll jährliches Event werden
Am zweiten Kongresstag (Samstag, 27. Juni) demonstrierten Andy Köpke, Torwarttrainer und Kinder der DEUTSCHEN TORWARTSCHULETM im Stadion der Sportschule Oberhaching moderne Trainingsformen aus dem Repertoire der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft aus Köpkes Trainings- DVD „Trainieren wie die Nr. 1". Ein weiterer Höhepunkt war ein Benefizspiel mit anschließendem Elfmeterschießen mit prominenten Torhütern und ehemaligen Fußballprofis.
Nach dem Pilot-Kongress 2008 in Nürnberg und der diesjährigen Durchführung in München soll der Internationale Torwart-Kongress zum jährlichen Fixpunkt für Torwarttrainer und Fachleute rund um das Torwartspiel werden. Der nächste Kongress ist nach der Fußball-WM für den Spätsommer 2010 geplant.
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